26.4.19 – 21.6.19,

Art. 132-75

Mit Laëtitia Badaut Haussmann, Béatrice Balcou, Eva Barto and Sophie Bonnet-Pourpet, Camille Blatrix, Maxime Boidy, Bruno Botella, Ian Burn, Andrea Büttner, Philippe Decrauzat, Guy Debord, atelier Gamil, Jacqueline de Jong, Buster Keaton, Benoît Maire, Enzo Mari, Pierre Paulin, Jean-Luc Moulène, Daniel Pommereulle, Clément Rodzielski, Cinzia Ruggeri, Jean-Michel Sanejouand, Anne-Françoise Schmid und Michael E. Smith.

Eine Ausstellung konzipiert von Gallien Déjean, Emmanuel Guy, Juliette Pollet und Fanny Schulmann, mit Reynaldo Gomez und Sif Lindblad.

Eröffnung: Freitag, 26. April, 19 Uhr, mit als Gastredner Thomas Becker

Während wir mit unseren Freunden über Politik sprechen, richtet sich unser Blick mechanisch auf die auf dem Tisch ausgebreiteten Objekte. Einen Ausweg aus den Widersprüchen unserer Diskussionen oder eine Verbindung zwischen Worten und Gedanken suchend, tastet das Auge die scheinbar unbedeutenden Dinge vor ihm ab, in der Hoffnung, eine Leerstelle zu finden, in der sich die Situation klarstellen ließe. Oft ist der Vorgang jedoch genau umgekehrt – beginnend mit den Objekten auf dem Tisch – die einen Bilanz ziehen lassen. Das Ende der Kurzgeschichte Solid Objects von Virginia Woolf bietet ein gutes Beispiel eines solchen Vorgangs. Um zu verstehen, warum sein Freund John eine brillante politische Karriere aufgab, nur um ausrangierte Objekte zu sammeln, fühlt sich Charles plötzlich von den Gegenständen, die Johns Büro verstopfen, bedroht. John versucht verzweifelt zu erklären, dass er faktisch keineswegs irgendetwas aufgegeben hat. Aber vergeblich: Charles zieht es vor zu fliehen, anstatt sich mit der politischen Dimension von Johns Arbeit auseinanderzusetzen. Dennoch hat er, sogar ohne die Auseinandersetzung, die Kapazität des Widerstands und der Bedrohung, die den gesammelten Objekten innewohnt, spüren können.

“Jeder Artikel der verantwortlich für die Gefährdung von Personen gemacht werden kann, wird als Waffe angesehen, wenn er gebraucht wird, um zu töten, zu verwunden oder zu bedrohen, oder von seinem Träger beabsichtigt wird, damit zu töten, zu verwunden oder zu bedrohen. Jeder Artikel, der einer Waffe wie im oberen Paragraph in derartiger Weise ähnelt, zu Verwechslungen führen kann und der von seinem Träger dazu gebraucht wird, zu bedrohen, zu töten oder zu verwunden oder wenn vom Träger beabsichtigt ist, damit zu bedrohen, zu töten oder zu verwunden, wird als Waffe angesehen.” In diesen Zeilen des Artikels 132-75 des französischen Strafgesetzes wird die Definition “une arme par destination” festgesetzt: Ein Objekt wird zur Waffe gleichermaßen durch sein Potenzial als auch durch die vermeintliche Intention seines Trägers, Schaden zu erzeugen.

Wir wollten John in seiner Forschung als Sammler unterstützen und die Fähigkeit mancher Kunstwerke zurückgewinnen, einschüchtern zu können; daher entschieden wir, einige Objekte auf einem Tisch anzuordnen und sie auf die Probe zu stellen. Die Konstitution dieser Kollektion war der Startpunkt für eine kollektive Diskussion, die danach strebt, den Beginn einer kritischen Reflektion zu etablieren, die sich auf das zeitgenössische Regime des Objekts konzentriert – und von ihm weitergehen kann. Im Gegensatz zu der Prämisse, in der ein Objekt als relationales Element zwischen dem Mensch und seiner Umwelt gesehen wird, untersucht diese Ausstellung das den Objekten inhärente Potenzial zum Widerstand. An der Schnittstelle von Politik, Physik und Ontologie bestätigt diese temporäre Akkumulation von Objekten die unterschwelligen, autonomen und nicht-relationalen Aspekte von Artefakten, ihre Kapazität zur Blockade, ihre burleske Instabilität oder ihr tödliches Potenzial.

Downloads: KVLBulletin_08_Art. 132-75

Daniel Pommereulle, Résistance, 1990, Lithographie, Galerie Christophe Gaillard, © ADAGP
Daniel Pommereulle, Résistance, 1990, Lithographie, Galerie Christophe Gaillard, © ADAGP
Jacqueline de Jong, ed., The Situationist Times 5, “Rings and Chains”, Kopenhagen, Dezember 1964
Jacqueline de Jong, ed., The Situationist Times 5, “Rings and Chains”, Kopenhagen, Dezember 1964
Enzo Mari, Autoprogettazione? (Selbstentwurf?), 1974
Enzo Mari, Autoprogettazione? (Selbstentwurf?), 1974