30.8.18 – 21.10.18,

Isabel Nolan - Ein Fuß in der Welt

Die neue Saison im Kunstverein Langenhagen beginnt mit einer Einzelausstellung der irischen Künstlerin Isabel Nolan (Dublin, 1974). Ein Fuß in der Welt ist die dritte in einer Reihe von Ausstellungen, die zuvor in der Douglas Hyde Gallery in Dublin (Calling on Gravity, 2017) und im Grazer Kunstverein (Curling Up with Reality, 2017-18) stattfanden. Der Fokus der Ausstellungsserie liegt auf der Frage, wie durch menschliche Aktivität Sinn in die Welt gebracht wird.
In dem Text 'Ein Fuß in der Welt. Vier Gedanken', der speziell zu dieser Ausstellung geschrieben und in diesem Bulletin veröffentlicht ist, spricht Nolan über die Angewohnheit, unsere Umwelt so wahrzunehmen und unsere Erfahrungen so zu ordnen, dass sie Hierarchien von höher und tiefer, oben und unten entsprechen. Dieses Streben manifestiert sich nicht nur in Glaubenssystemen mit begleitender Symbolik – die christliche Kathedrale als ein kategorisches Beispiel, Gott näher zu kommen und damit die Körperlichkeit und andere weltliche Nichtigkeiten hinter sich zu lassen - sondern auch in dem Wunsch, den Tod durch Kultur zu überwinden und damit in Erinnerung zu bleiben. Der Wunsch, den Menschen immer emporzuheben, über unsere animalische Natur hinauszuwachsen und dem Tod wie auch der Schwerkraft zu trotzen, zieht sich durch die Technologien, Geschichten und Kunstwerke, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.
In der Ausstellung wird die Faszination der Künstlerin für das ‚Niedrige’ auf subtile Weise herausgearbeitet. Ihre Arbeiten, zu denen hängende und bodenbezogene Skulpturen, Bilder, Fotografien und auch der zuvor genannte Text gehören, heben das Niedrige und bringen es buchstäblich und im übertragenen Sinne auf eine andere Ebene. Mehrere Fotos zeigen den menschlichen (und manchmal tierischen) Teil des Körpers, der dem Boden am nächsten ist: die Füße. In mehreren Werken porträtiert Nolan auch den Boden selbst, sowohl in erhabenen als auch in vernachlässigten Zuständen. Die Dekoration liest sich hier als ein Versuch, der irdischen Unreinheit zu entgehen und zu leugnen, dass wir denselben Boden wie unmenschliche (und vermeintlich geistlose) Wesen besetzen.

Die Ausstellungstitel spitzt sich auf die Füße zu, den Teil unseres Körpers, der uns mit der mit der Welt verankert und uns aufrecht und mobil hält. Dennoch bezieht er sich auch auf das Wissen um unsere Sterblichkeit, deren Kenntnis uns irgendwie noch härter zum Versuch treibt, diese Unausweichlichkeit zu umgehen. In einem Text, der Teil der Ausstellung Calling on Gravity war, spricht Nolan über den Wunsch des Menschen, ungebundene Empfindungen in Materie zu verwandeln, in eine Struktur, ein Votivobjekt, ein Kunstwerk oder vielleicht sogar ein Ritual, um ihre Gültigkeit zu stärken.
Im Gegensatz dazu scheint das Verlangen in dieser Arbeit nach Intimität, nach Kontakt mit der Welt, mit Tieren und anderen Menschen zu sein. Große Abstraktion begegnet man mit einem bunten Grab, handgemachtem Staub, einem gefallenen, nicht funktionierenden Kronleuchter und mit Porträts von drei Personen, die auf unterschiedliche Weise versuchten, die Welt und die Menschen zu lieben, und einem, der es nicht tat. Ein unkompliziertes Verlangen der Künstlerin, irgendwie eine komplizierte Welt zu lieben. Diese elementaren Themen und damit verbundene zutiefst existentielle Auseinandersetzung werden im Ausstellungsraum von Nolan atmosphärisch in Pastelltöne getaucht, die auch in einigen Ihrer Werke aufscheinen und der Schwere und Tiefe der Themen einen sanften Zugang ermöglichen.

Ein Fuß in der Welt findet nicht nur in der ehemaligen Kegelbahn des Kunstvereins Langenhagen statt, sondern auch in der ehemaligen Kapelle im Eichenpark, dem Stadtpark von Langenhagen. Dieser Ort hatte früher auch manchmal als Ausstellungskontext gedient. Es scheint angemessen, dieses spezifische Gebäude im Eichenpark zu nutzen, der seit 1862 Sitz einer psychiatrischen Anstalt war, zunächst nur für Kinder, dann auch für Erwachsene. Die Institution war weitgehend autark und die Toten wurden auf dem Gelände selbst begraben, wo die Kapelle auch als Leichenhalle diente und Sektionsräume enthielt. In der Präsentation in der Kapelle sind auch Verbindungen zwischen hoch und niedrig, unten und oben gewebt. An dem Ort, an dem diese nicht beneidenswerten Menschen der Erde (‚in den barmherzigen Händen Gottes’) bestattet werden, wird nun die Unterscheidung zwischen oben und unten, zwischen privilegiert und bemitleidenswert, in eine andere Perspektive versetzt.

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