Natalie Czech: Hidden Poems
Hidden Poems ( engl. verborgene Gedichte) - Der Titel der Einzelausstellung von Natalie Czech im Kunstverein Langenhagen übernimmt den Titel einer Werkreihe, die fortlaufend seit 2010 entsteht, beschreibt aber zugleich auch das für jüngsten Serie A Small Bouquett (2011), einer umfangreichen Neuproduktion für den Kunstverein Langenhagen, bestimmende Interesse der Künstlerin an Sprache, Dichtung und Bild.
Die Fotografien der Serie Hidden Poems zeigen ganzseitige Abbildungen oder Ausschnitte aus Büchern und Magazinen. Beim genaueren Hinsehen sind in den vergrößerten Abzügen Markierungen, die die Künstlerin mit farbigen Stiften in den Texten hinterläßt, zu erkennen. Diesen Fährten folgend sehen sich die BetrachterInnen in den Prozess des Entzifferns und Lesens verwickelt und entdecken zuvor "verborgene" Gedichte/Poems bekannter Autoren wie Wolf-Dieter Brinkmann, E.E. Cummings oder Jack Kerouac in den abgebildeten Texten. Natalie Czechs bevorzugte Autoren widmen sich der literarischen Darstellung eines aufblitzenden Augenblicks subjektiver Wahrnehmung im Alltäglichen. Brinkmann bezeichnete seine Gedichte und Textfragmente in Anlehnung an Fotografie als Snapshots (Schnappschüsse). Natalie Czech wiederum setzt diese literarischen Schnappschüsse ins fotografische Bild. Die sichtbar gemachten "verborgenen" Gedichte evozieren neue Bilder und Betrachtungsweisen, die auf die Deutung des Ausgangsmaterials der "informativen" Texte mit zugehörigen Illustrationen zurückwirken. Die alltägliche Erfahrung des Abschweifens oder Tagträumens ist zentral für Natalie Czechs Verfahren. In den ausgewählten Gedichten findet sie die passenden Signale für eine poetische Erforschung und Überformung, einer eher assoziativen Aneignung der Ausgangstexte und -bilder. Auf diese Weise veschränkt sie die häufig als gegenläufig beschriebenen Prozesse des Betrachtens, Lesen und der dabei in Gang gesetzten Imagination zu in einem dialogischen Wahrnehmungsprozess und macht sie für den Umgang mit der medial geprägten Lebenswelt und für grundsätzliche Überlegungen zum Status von Bild und Text in Kunst und Alltag produktiv. Oppositionelle Kategorien der Zeit, wie Dauer und Augenblick, aber auch der Dokumentcharakter der fotografischen Abbildung und die Verbindlichkeit der begrifflichen Aussage und der Autorschaft verlieren dabei an Eindeutigkeit. Mit den Hidden Poems legt Natalie Czech die Beteiligung der Autoren der Ausgangstexte und Bilder, die Dichter/innen und die Betrachter/innen als Akteure bei der Bildgenese offen.
In der siebenteiligen fotografischen Arbeit A Small Bouquet, radikalisiert Natalie Czech die Frage nach der Autorschaft, Lesbarkeit und Deutung und kehrt den für die Hidden Poems bewährten Prozess des Einschreibens in ein bestehendes Text/Bildgefüge um. Das Figurengedichts A small Bouquett des amerikanischen Dichters und Kunstkritikers Frank O’Hara (1926 - 66) ist zugleich Bild und Gedicht. Frank O'Hara gab seinem Gedicht die Form eines Blumengebindes aus drei Blumen in einer Kanne, das er aus Einzelworten und Wortkombinationen in Schreibmaschinenschrift auf einer Seite anordnete. Dabei steht das Bild nicht in einem illustrativen Verhältnis zum Text, sondern erscheint eher als Kommentar. Durch die Anordnung und Aufsplittung der Textelemente befreite O'Hara das Gedicht von einer festgelegten durch die Lesrichtung fest geschriebene Textordnung. Der Text ist in unterschiedlichen Richtungen lesbar und verunmöglicht eine somit eindeutige Sinnzuschreibung.
Natalie Czech bat sieben Autoren, - Andrew Bernardini, Julien Bismuth, Maia Gianakos, Leslie-Ann Murray, Mick Peter, Nathania Rubin und Alix Rule – jeweils einen zusammenhängenden Text zu schreiben, in dem das Kalligramm aufgehoben ist. Sie entwarf eine Vorlage, die es den Autoren ermöglichen sollte, ihre Texte punktgenau um Frank O'Haras Poem zu entwickeln. Auf diese Weise entstanden sieben ganzseitige Texte, die die originäre Bildhaftigkeit des Ausgangstextes verbergen und die gewohnte Lesrichtung in Zeilen wieder einführen. Natalie Czech präsentiert diese Texte als Fotografien einer aufgeschlagenen Buchseite auf schwarzem Grund, wobei sie das Seitenlayout der Erstausgabe des Gedichts übernimmt. Nachträglich umkreist sie mit farbigen Kreiden die Worte des Ausgangsgedichts auf der Fotografie und stellt die Bildlichkeit des Kalligramms in einer malerischen Geste wieder her.
In der Ausstellung sind alle sieben Arbeiten zu sehen. Zunächst erscheinen sie als Wiederholungen gleichförmiger Abbildungen. Ihre Differenz erschließt sich erst im Vergleich, wobei die Abweichungen sich zunächst in der Platzierung der Markierungen andeuten und erst beim Lesen der Gedichte in vollem Umfang zu Tage treten. Einem vordergründigen, identifizierenden Sehen und der damit verbundenen Vereinnahmung widerstehen diese Fotografien.
Natalie Czech verbindet textuelle und bildliche Operationen zu einer ausgeklügelten Bildreihe, die sich zentralen Fragen des Verhältnisses von Bild und Text, der Lesbarkeit von Bildern und des Potenzials der Sprache, Bilder zu entwerfen und zu deuten widmet. Das Verhältnis von Text und Bild ist eine der zentralen Fragen aller Schriftkulturen. Gerard Genette entwarf für die Literaturwissenschaft mit dem Bild/Begriff Palimpsests einen sog. Textraum in dem ein jeglicher Text durch die Anwesenheit verborgener Texte geprägt ist und somit unterschiedliche Bezugnahmen und entsprechende Deutungen zulässt. Als Palimpsest wird der Abdruck und das Durchscheinen einer vorangegangenen Beschriftung auf antiken Texttafeln bezeichnet. Natalie Czechs Vorgehensweise könnte auch als gezielte Produktion von Palimpsesten gelesen werden. Doch liegt ihr Anliegen nicht in der Produktion von intertextuellen Referenzen. Sie entwirft Bildräume, die zugleich Texträume sind. Die mediale Fassung von Schrift und Bild in Druckerzeugnissen thematisiert sie als Konstellationen, deren Klischees durch kluge Interventionen nicht ausgesetzt aber aufgebrochen werden. Sie übernimmt die Rolle einer Editorin, die mehrstimmige Textproduktionen initiiert und zu einem mehrteiligen Bildraum zusammenführt. Mit ihren Arbeiten führt sie als Sparchkünstlerin auf ihre eigne Weise die alte Auseinandersetzung mit pictura und poesis fort.
Natalie Czech (*1976) lebt und arbeitet in Berlin. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, ihre Arbeiten wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen in Europa und den USA präsentiert. In diesem Jahr sind ihre Arbeiten u.a. in Ausstellungen im Kunsthaus Bregenz, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen / Schaufenster, Düsseldorf und bei C/O Berlin zu sehen.