Temporäres Heimatmuseum
Im Frühsommer 2021 wird sich der Kunstverein Langenhagen temporär in ein Heimatmuseum verwandeln. Mit der Ausstellung Temporäres Heimatmuseum stellen wir die Frage, was ein Heimatmuseum heute sein kann und damit verbunden, wie der Begriff Heimat verwendet wird. Sogenannte Heimatmuseen betonen häufig die Spezifität einer bestimmten Bevölkerungsgruppe oder die Besonderheiten eines bestimmten Ortes oder Lokalität. Anstatt das Eigene im Lokalen zu suchen und zu betonen, möchte der Kunstverein sich auf die Vielfalt des Eigenen konzentrieren.
Mit bestehenden und neuen Arbeiten von Aurélie Ferruel & Florentine Guédon, Viola Yeşiltaç, Salim Bayri, Julia Schmid, Hartmut El Kurdi und Beni Bischof. Mit Objekten aus dem Stadtarchiv Langenhagen und Interventionen von Langenhagener Jugendlichen.
Bei Migrationsbewegungen in der Vergangenheit und heute werden immer auch Haus und Heim aufgegeben. Geht dadurch auch das, was Heimat genannt wird, unwiederbringlich verloren? Oder kann Heimat ein flexibleres Konzept sein, bei dem das Gefühl, ‚zu Hause’ zu sein, nicht nur an eine bestimmte geografische oder familiäre Bindung gekoppelt ist, sondern auch an andere Faktoren wie Geborgenheit, die Möglichkeit von Austausch, persönliche Entwicklung usw.? In diesem Ausstellungsprojekt arbeiten wir mit der These, dass Heimat nicht etwas Statisches ist, das verloren gehen kann und bewahrt werden muss, sondern etwas Dynamisches, das sich weiterentwickeln - oder ganz neu erfunden werden kann.
Der Begriff Heimat, und damit auch Identität, wird oft und nicht nur von der populistischen Rechten auf äußerst problematische Weise verwendet - „Wer unsere Heimat erhalten will, wählt die AfD“ - spielt aber auch in gemäßigteren politischen Debatten eine Rolle: So z.B. in der "Leitkulturdebatte", die in Deutschland im Jahr 2000 mit den Aussagen gegen Multikulturalismus von Friedrich Merz begann. Diese Debatte konzentrierte sich auf den Unterschied zwischen Assimilation und Integration sowie zwischen Mehrheiten und Minderheiten. Im Ausstellungsprojekt Temporäres Heimatmuseum möchten wir sowohl auf aktuelle Debatten, als auch auf historische Erfahrungen, wie Beispielsweise die sogenannte ‘Heimatvertreibung’ während und nach dem zweiten Weltkrieg eingehen. Damals war auch die Region Hannover ein Zufluchtsort für viele Vertriebene (eine Volkszählung von 1955 in der Stadt Hannover wies aus, das eine von vier Personen einen Fluchthintergrund hatte). Auch Langenhagen ist zu einem großen Teil durch verschiedenste Migrations- und Fluchtbewegungen gewachsen - noch heute treffen sich regelmäßig Vereine und Gruppen, die sich mit den Themen Flucht und Heimat beschäftigen.
Und auch in Langenhagen gab es für eine lange Zeit das Bestreben ein Heimatmuseum zu gründen. Eine umfangreiche Sammlung aus mehr als fünfhundert Objekten war entstanden: Objekte, die Langenhagener Bürger*innen für wertvoll, aussagekräftig, typisch, oder repräsentativ für Langenhagen empfunden haben. Nachdem der Plan für ein Heimatmuseum schließlich aufgegeben wurde, ging diese Sammlung in das Archiv der Stadt über, wo sie bis heute verwahrt wird. Stattdessen ist seit 2011 die Arbeitsgruppe GLIEM (‚Ganz Langenhagen ist ein Museum’) aktiv. Sie haben seitdem ihre Recherchen über erinnerungswerte Orte, Bauwerke und Geschichten auf mehr als 110 Schildern im gesamten Stadtgebiet veröffentlicht.
Wir haben unterschiedliche Künstler*innen eingeladen, bestehende Arbeiten zu zeigen und für diese Ausstellung neue Arbeiten zu entwickeln. Einzelne Objekte aus der Sammlung des Stadtarchivs werden bewusst gemeinsam mit den künstlerischen Arbeiten in der Ausstellung im Kunstverein zu sehen sein. Im Laufe der Ausstellung werden Langenhagener Jugendliche im Rahmen des Vermittlungsprojekts Wo ist Heimat? mit Ihren eigenen Ideen und Objekten in der Ausstellung intervenieren.
Ein Teil der für die Ausstellung Temporäres Heimatmuseum eingeladenen Künstlerinnen stammt aus bzw. lebt in der Region Hannover, ein Teil lebt und arbeitet an anderen Orten. Unsere Frage als Kunstverein an die Künstlerinnen war nicht, sich nur an Langenhagen zu orientieren und Arbeiten zu machen, die sich speziell mit dem örtlichen Kontext, Geschichte und Eigenartigkeiten beschäftigen. In ihrer Arbeiten befassen die beteiligten Künstler*innen sich stattdessen auf vielseitige Weise mit dem was mit Heimat und Identität verbunden wird. Sie tun dies durch die Verwendung von Archetypen und das Hinterfragen von heimatlichen Symbolen, Kitsch und Klischees. Auch setzen sie sich auseinander mit dem, was als seltsam und unerwünscht angesehen wird. Dabei wird Einwanderung als kontinuierliche Bewegung aufgegriffen, in der das Eigene und das Fremde ständig neu definiert werden.
Die Ausstellung ist ab Mittwoch den 05.06. zu den regulären Öffnungszeiten des Kunstvereins (MI-SO 14-17 Uhr), für Besucher*innen geöffnet!
Dieses Projekt wird gefördert durch:
*Region Hannover
*Niedersächsische Sparkassenstiftung
*Sparkasse Hannover
*Botschaft des Königreichs der Niederlande
*Bureau des arts plastiques des Institut français Deutschland und des französischen Kulturministeriums
*Pro Helvetia
Das Vermittlungsprogramm wird gefördert durch:
*Fonds „Miteinander – Gemeinsam für Integration“ der Region Hannover
*VGH Stiftung
Veranstaltungen und Projekte:
*Naheliegende Berufe #15: Entrümpeler
Künstlerinnengespräch
*Vor-Verhandlungen mit Beatrice von Bismarck
*Filmreihe im Kooperation mit dem Kino im Sprengel
*Wo ist Heimat? - Vermittlungsprojekt mit einer Klasse der IGS Langenhagen
*Bulletin #13
*Performance Aurélie Ferruel und Florentine Guédon