Wie bloß diese Welt verlassen?
Es ist eine merkwürdige Welt, in der wir hier leben. Alles geht seinen gewöhnlichen Gang: Menschen gehen zur Arbeit, in die Schule, in die Universität, in den Supermarkt, in den Zoo, ins Kino, auf Parties, in den Kunstverein, nach Hause. Planen ihre Zukunft, ziehen um, kaufen Autos, kaufen Haustiere, kaufen Wohnungen, kriegen Kinder, bauen Häuser, gehen in Rente.
Gleichzeitig wird seit einiger Zeit, mittlerweile immer mehr Jahren, immer deutlicher, eigentlich schon sehr sehr lange unübersehbar deutlich, dass diese sogenannte Normalität auf einem Abgrund aus Widersprüchen, Krisen, Überlastungen, Ausnahmezuständen, Depressionen, Katastrophen und Abschottungen hergestellt wird.
Die Liste der andauernden Kriege und bewaffneten Konflikte in Syrien, der Ukraine, Palästina und Israel, oder im Kongo oder im Sudan sowie die Covid19-Pandemie, die sich stetig zuspitzende Krise im Finanz- und Arbeitssektor sowie der im Hintergrund die ganze Zeit sich immer massiver und schneller vollziehende Klimawandel, bei gleichzeitig weiter steigendem Bedarf an fossilen Energieträgern, erscheinen dabei eher als die letzten Ereignisse und Entwicklungen einer sehr weit in die Vergangenheit reichenden Reihe. Diese Ereignisse und Entwicklungen zeigen nun mehr und mehr auch hier, in Europa, vielleicht im eigentlichen Herz der Finsternis, unübersehbar die integrale Krisen-, wenn nicht Katastrophenhaftigkeit dieser Art und Weise in der Welt zu sein und diese zu behandeln auf – eine Erkenntnis, die in anderen Teilen der Welt schon seit über 500 Jahren aufs Furchtbarste tagtäglich erfahren wird.
Wie lässt es sich in und mit dieser Krisen und Katastrophen herstellenden Art und Weise die Welt zu behandeln weiterleben? Ohne zu leugnen, dass sie auch ein Teil unseres Seins, unserer Art zu denken und zu handeln ist? Ohne der Verlockung des Eskapismus zu erliegen, die Sinne zu verschließen und zu versuchen, nicht daran zu denken? Ohne sich in naturalisierende Simplifizierungen zu flüchten wie: Das ist eben so, fressen oder gefressen werden.
Und wie stellt sich das insbesondere für die Arbeit und das Leben mit und im Kunstfeld dar? Denn hier arbeiten wir und hier leben wir, von hier sprechen wir - aus einer Position heraus, die eben auch mit alledem verwickelt ist. Was für Rollen spielen Kunsträume und die in ihnen wirkenden Akteurinnen? Welche Funktionen erfüllen sie, welche Aufgaben haben sie darin? Und wie verhält es sich mit den substantiell mit der Kunst und Künstlerinnen verbundenen Vorstellungen und Phantasmen von Autonomie, Freiheit, Kreativität, Kritik, Widerständigkeit und Romantik? Und wie steht es um das Gespräch über all dies - ist es möglich und wird es gesucht und führt es weiter? Oder geht es eher um eindeutige Positionierungen, feste Meinungen und Ausschlüsse?
Die Unternehmung Wie bloß diese Welt verlassen? schließt auf gewisse Weise an die Reihe Kunstraum in der Katastrophe vom Sommer 2023 an. Diesmal sind wir jedoch mehr auf der Suche nach konkreten Möglichkeiten des Exits, des Verlassens, der Abschaffung dieser Art und Weise, die Welt herzustellen und weniger interessiert an deren Kritik, Reform oder Verbesserung. Davon erhoffen wir uns konkretere Handlungen, andere Erfahrungen und damit verbunden andere Perspektiven - hoffentlich ganz andere Perspektiven.
Wie bloß diese Welt verlassen? besteht aus einer Ausstellung, vielleicht eher einer Raumsituation und einer Anzahl darin stattfindender Veranstaltungen und Workshops: die Räume des Kunstvereins werden mit Videos aus Marwa Arsanios Reihe Who is afraid of Ideology?, Jakob Jakobsens Kündigungsschreiben vom professionellen Künstlerinnentum und einem Hörstück dazu sowie einer Abschaffen-Streik-Traum-Archiv-Altar-Bar gefüllt, in welchen weiterhin drei Leseabende (zu Human Strike, Träumen und Phantasie als kritischer Praxis, Kommunisierung und der Abschaffung von Gender) stattfinden werden, die wiederum in Barabende münden werden. Zur Eröffnung wird es ein Gespräch zwischen Kathy-Ann Tan, Jakob Jakobsen, Birte Heier und Sebastian Stein zu Arbeits- und Lebensverhältnissen in der Kunstwelt, deren Verlassen und den Hintergründen von Wie bloß diese Welt verlassen? geben. Auch wird eine Veranstaltung zu Exits, Streiks und Cancelling stattfinden. Anfang Mai werden wir zwei Wochen lang mit KVL abschaffenden Versuch unternehmen, den Kunstverein abzuschaffen. Während dieser Zeit wird es auch eine Beteiligung von Mattin geben. Und schließlich veranstalten wir ein Gespräch mit Vertreterinnen der Aktivist*innengruppe Letzte Generation.